Muqarnas

Stalaktiten aus Stuck

Muqarnas ist ein in der gesamten islamischen Welt nachweisbares Architekturelement, das nicht nur in der Gewölbezone vielseitig anwendbar ist, sondern auch als Kapitell, Bogen, Fries oder Nischen-bekrönung vorkommt (Abb. 1-2). In al-Andalus ist Muqarnas seit almohadischer Zeit materiell nachweisbar, wobei die nasridische Architektur besonders spektakuläre Lösungen entwickelt hat. So hebt sich der unter Muhammad V. zwischen 1362 und 1391 entstandene Löwenpalast durch seine kleinteiligen Muqarnasgewölbe von den übrigen Palastbauten der Alhambra ab. Die oft mit Stalaktiten verglichenen Gipskuppeln der Sala de los Abencerrajes und Sala de las Dos Hermanas weckten früh das Interesse von Architekten wie Jules Goury und Owen Jones oder Konstantin Uhde (Abb. 3-4). – FG

Literatur
Goury/Jones 1836-1845. Girault de Prangey 1837-39. Girault de Prangey 1842. Uhde 1892. Tabbaa 1985. Fernández-Puertas 1993. Ibrahim 2002. Pavón Maldonado 2004.

Eine mathematische Aufgabe

Das auf mathematischen Gesetzmässigkeiten beruhende Entwurfsverfahren von Muqarnas weist regionale Unterschiede auf. In al-Andalus wurden die komplexen Muqarnasgebilde aus vorgefertigten Standardelementen zusammengesetzt (Abb. 5). Bei den aus mehreren übereinander angeordneten Wölbstufen bestehenden Muqarnaskuppeln war der Entwurfsprozess besonders anspruchsvoll (Abb. 6). Entsprechend dem dreiteiligen Gewölbeaufbau mit Anfang, Mittelteil und Abschluss folgte auf die Festlegung der tragenden Fusspunkte und das Einpassen der Entwurfsidee in den verfügbaren Raum, die Gestaltung des mehrstufigen Mittelteils. Hierfür wurde das dem Gewölbe zugrunde liegende Geometriesystem festgelegt und die Haupt- und Nebensterne innerhalb der Gesamtstruktur positioniert (Abb. 7). Auf die anschliessende Ausgestaltung des Zwischenraums entlang der Stufenumrisse folgte der Entwurf des zentralen Scheitelbereichs. – FG

Literatur
Uhde 1892. Dold-Samplonius 1992. Necipoğlu 1995. Ibrahim 2002. López Rodríguez et al. 2003. Pavón Maldonado 2004.

Der aufgehängte Sternenhimmel

Der Herstellungsprozess von Muqarnasgewölben aus Stuck lässt sich in Marokko noch heute beobachten. Mit Hilfe von Schablonen aus dicker Pappe werden hölzerne Negativformen erstellt, mittels derer die erwähnten Standardelemente gegossen werden. Diese werden anschliessend zu einzelnen Gewölbesegmenten zusammengefügt, die am Bau in ein zuvor erstelltes Gipsbogenskelett eingepasst und mit Hilfe meist hölzerner Aufhängungen an Mauer oder Decke befestigt werden. Die Wölboberfläche wird daraufhin von einer Stuckschicht überzogen, geglättet oder reliefiert und schliesslich bemalt. Muqarnasgewölbe dieses Typus sind demnach nie selbsttragend, sondern bedürfen immer einer Verankerung im dahinterliegenden Mauer- bzw. Deckenbereich, wie dies bei der jüngst erfolgten Sanierung der Gewölbe der Sala de los Reyes in der Alhambra nachgewiesen werden konnte. – FG

Literatur
Paccard 1980. Ibrahim 2002. Pavón Maldonado 2004.
Abb.1 (de)

Abb. 1. Verschiedene Anwendungsbereiche von Muqarnas (Girault de Prangey 1837-39, Granada, Taf. 16).

Abb.2 (de)

Abb. 2. Muqarnaskuppel in der Sala de las Dos Hermanas (Girault de Prangey 1842, Taf. 17).

Abb.3 (de)

Abb. 3. Muqarnaskuppel in der Sala de las Dos Hermanas (Goury/Jones 1836-1845, Bd. 1, Text zu Taf. 10).