Auftakt

Murphy und die gotische Tendenz

James Cavanah Murphys Arabian Antiquities of Spain, welches vom Count of Bristol unterstützt und postum 1815 veröffentlicht wurde, rekurriert direkt auf die Antigüidades árabes de España. Murphy stellt die islamische Architektur in den Mittelpunkt. Sein Ziel ist es, die „interessanten, aber unzulänglichen Beschreibungen der Überbleibsel arabischer Kunst (…) in den einst berühmten mohammedanischen Städten von Granada, Cordoba und Sevilla” zu korrigieren („interesting but imperfect descriptions of the remains of Arabian art (…) in the once renowned Mohammedan cities of Granada, Cordoba, and Seville”). Trotzdem zeigen seine Tafeln einen verzerrten Blick auf die Bauten und ihre Ausstattung (Abb. 1). Islamische Formen werden naturalisiert, um sie dem westlichen Kanon anzupassen, wie seine Darstellung der Skulpturen im Löwenhof zeigen (Abb. 2). Aufgrund der Theorie, dass der gotische Spitzbogen aus der islamischen Architektur geboren worden war, „gotisierte” Murphy die Alhambra, indem er Panorama-Ansichten verwendete, welche die Monumentalität des Gebäudes unterstrichen, den Grösseneindruck des Raumes steigerten und eine fantastische Architektur erschufen, die nichts mit dem Original zu tun hatte (Abb. 3-4). – AVB

Literatur
Murphy 1815: Einleitung. Antigüedades 1787/1804. Raquejo 1986. Raquejo 1990. Galera Andreu 1992. Villafranca Jiménez 2012.

Labordes Voyage pittoresque

Im Vorwort zum ersten Band seiner monumentalen Voyage pittoresque et historique de l’Espagne behauptete Alexandre de Laborde dass „Spanien eine der am wenigsten bekannten Landschaften Europas” sei („l’Espagne est une des contrées les moins connues de l’Europe”). Zwischen 1806 und 1820 veröffentlichte er vier Bände über die Landschaft und Architektur Spani'ens, mit insgesamt mehr als dreihundert Tafeln illustriert. Laborde hatte die Zeichnungen aus den Antigüidades árabes gesehen und sein dritter Band, der sich ganz Andalusien widmet, übernahm die Struktur der spanischen Publikation, die auf Cordoba (Abb. 5) und Granada fokussiert war. Er zeigt Schnitte, Aufrisse und Details der Moschee von Cordoba und der Alhambra (Abb. 6), die geprägt sind von einem Sinn für Proportionen und Genauigkeit in der Wiedergabe der Bauwerke. Seine Darstellung des Löwenhofes (Abb. 7) erscheint weniger verzerrt als diejenige Murphys und lenkt darüber hinaus die Aufmerksamkeit auf den prekären Erhaltungs-zustand des Hofes. – AVB

Literatur
Antigüedades 1787/1804. Laborde 1806-20 (1806, S. iii). Description 1809-28. Murphy 1815. Galera Andreu 1992. Villafranca Jiménez 2012.
Abb.1 (de)

Abb. 1. In die Länge gezogene Ansicht der Moschee von Cordoba (Murphy 1815, Taf. 7).

Abb.2 (de)

Abb. 2. Der Brunnen im Löwenhof und die „naturalistische“ Darstellung der Löwen (Murphy 1815, Taf. 34).

Abb.3 (de)

Abb. 3. Vergrösserte und „gotische“ Ansicht des Löwenhofes (Murphy 1815, Taf. 33).