Romantische Visionen

Der Wohnort der Dschinni

Ausgehend von der Geschichte von al-Andalus erzählten François René de Chateaubriands Aventures du dernier Abencérage von der Leidenschaft Aben-Hamets für die noble Blanca, eine Nachfahrin des Cid. Unter einem „verzauberten Himmel“ („ciel enchanté“) unternahmen der muslimische Kavalier und das christliche Edelfräulein eine „Pilgerfahrt zur Alhambra“ („pélerinage à l’Alhambra“), die zauberhafte Festung, die „etwas Üppiges, Religiöses und Kriegerisches“ an sich hatte („quelque chose de voluptueux, de religieux et de guerrier“). Victor Hugo wird von den Schönheiten dieses Palastes singen, „den die Dschinni vergoldet haben wie einen Traum und mit Harmonien erfüllt“ („palais que les Genies / ont doré comme un rêve et rempli d'harmonies“). Dennoch sollte es erst Washington Irving mit seinen Tales of the Alhambra gelingen, die Idee eines Traum-Palastes zu verbreiten. Für Tausende von Lesern würde die maurische Festung auf immer der „Wohnort des Schönen“ („the abode of beauty“) bleiben, heimgesucht von der Erinnerung an „galante Kavaliere“ („gallant cavaliers“) und „dunkeläugigen Harem-Schönheiten“ („dark-eyed beauties of the harem“). – AVB

Literatur
Chateaubriand 1827 (1850): 150, 164, 166. Hugo 1829 (1882): 235. Irving 1832 (2002): 42.

Das Auge des Zeichners

Ausländische Künstler wie der Schotte David Roberts oder der Brite John Frederick Lewis, die beide Spanien in den frühen 1830er Jahren bereisten, setzten diese romantischen Ideen rasch bildlich um. Während eines dreiwöchigen Aufenthalts in Granada 1832 schuf Roberts mehrere Skizzen und Zeichnungen der Stadt und der Alhambra, in denen er der fremdländischen und ruinösen Würde der maurischen Festung den Vorzug gab, wie eine Ansicht der Palasttürme aus seinem Album Picturesque Sketches in Spain belegt (Abb. 1). Diese künstlerischen Impressionen sind auch bezüglich des aktuellen Erhaltungszustandes des Bauensembles aufschlussreich. Gut dreissig Jahre nach dem Aufenthalt von Lewis zeigt die Darstellung des Myrtenhofes vom Franzosen Gustave Doré aus den frühen 1860er Jahren neben malerischen Figuren auch die Restaurierung der Südfassade des Comarespalastes und die dabei vorgenommenen Veränderungen (Abb. 2-3). – AVB

Literatur
Lewis 1835. Roberts 1837. Davillier 1874. Granada 1991. Galera Andreu 1996. Villafranca Jimenez 2012.

Jenseits der Romantik

In der zweiten Hälfte des 19. Jh. war die Alhambra die bevorzugte Kulisse für Orientmaler. Einige wie der Franzose Henri Regnault stellten sogar ihre Studios im Inneren des Palastes auf, um die Alhambra und ihren elaborierten Dekor als suggestive Szenerie für ihre imaginierten Orientdarstellungen zu nutzen. Der katalanische Maler Mariano Fortuny y Marsal – ein Sammler islamischer Kunst und einer der Promotoren des neo-maurischen Stils – machte die Alhambra zum Hauptthema einiger seiner Werke. Sein Gemälde Der Hof der Alhambra von 1871  zeigt eine leuchtende und kräftige Darstellung des restaurierten Palastbereiches (Abb. 4), die sich deutlich vom ruinösen Bild in Lewis’ romantischer Ansicht unterscheidet (Abb. 5). Unter Verzicht auf folkloristische Clichés konzentrierte sich Joaquin Sorolla dagegen auf die Patios der Alhambra, wie in seinem Die Halle der Gesandten (1909), wo die Architektur sich in einem Spiel von Licht und Farbe auflöst (Abb. 6). – AVB

Literatur
Lewis 1835. Fortuny y Marsal 1994. Labrusse 2011. Villafrance Jiménez 2012. Pons-Sorolla 2012. Sorolla 2012.
Abb.1 (de)

Abb. 1. Ansicht der Alhambra und der Torre de Comares (Roberts 1837).

Abb.2 (de)

Abb. 2. Der Myrtenhof (Lewis 1835, Taf. 7).

Abb.3 (de)

Abb. 3. Der Myrtenhof (Doré 1874, S. 171).