Eine internationale Debatte

Traditionsbruch

Spuren polychromen Dekors an griechischen Tempeln wurden schon Mitte des 18.Jh. aufgenommen, ohne dass dies das Ideal der weissen Reinheit klassischer Kunst und Architektur, wie es von Winckelmann eifrig propagiert wurde, in Frage gestellt hätte. Es blieb Jacques Ignace Hittorff vorbehalten, mit der Tradition zu brechen, die Buntheit der griechischen Architektur zu belegen und die Debatte über klassische Polychromie zu eröffnen. Hittorffs Theorie lag die Restaurierung des Empedokles Tempels im sizilianischen Selinus zugrunde. Den Tempel grub Hittorff zusammen mit Ludwig von Zanth im Sommer 1823 aus. Gemeinsam publizierten sie 1827 L’Architecture Antique de la Sicile (Abb. 1), das in ganz Europa eine internationale Debatte zur Folge hatte und ein wachsendes Interesse für Farbigkeit auslöste. Das Werk Restitution du temple d’Empédocle à Sélimonte, ou l’architecture polychrome chez les Grecs (Abb. 2) folgte im Jahr 1851, als die antike Polychromie bereits kein Diskussionsthema mehr war. – AVB

Literatur
Hittorff/Zanth 1827. Hitorff 1851. Van Zanten 1977. Middleton 1982. Van Zanten 1983. Guilmeau-Shala 2011.

Eine neue Aufmerksamkeit

Hittorffs Interesse für Farbe war kein Einzelfall. In den 1820er Jahren erforschten Henri Labrouste und seine pensionnaires-Kollegen an der Französischen Akademie in Rom die Verwendung von Farbe in der römischen Architektur und machten Vorschläge von äusserst farbenfrohen Architekturprospekten. Die Ruinen von Pompeji und die neuesten Ausgrabungen etruskischer Gräber in Corneto halfen, das Interesse für die Wiederherstellung antiker Architektur zu beleben. In ganz Europa wurde die Farbigkeit zum zentralen Thema, nicht zuletzt durch die Arbeiten von Félix Duban, Michael Gottlieb Bindesbøll, Gottfried Semper, Jules Goury oder Leo von Klenze. Während archäologische Funde die Wichtigkeit von Polychromie in allen antiken Zivilisationen bewiesen, wurde ihre Bedeutung auch für das Mittelalter angenommen – besonders aufgrund der Studien von gotischen und islamischen Bauten. – AVB

Literatur
Van Zanten 1977. Middleton 1982. Van Zanten 1983. Guilmeau-Shala 2011.

Eine bunte Alhambra

In Plans, Sections, Elevations and Details of the Alhambra (1836-45) vertrat Jones die Ansicht, dass die originale Farbgebung der Alhambra mehrheitlich blau, rot und gelb bzw. gold war (Abb. 3). Ausserdem stellte er einen Zusammenhang zwischen dem Entwicklungsstand einer Gesellschaft und der Verwendung von Farbe her. So war er der Ansicht, dass die „primitiven Farben” vor allem „in frühen Zeiten der Kunst” (“during the early periods of art”), die Sekundärfarben jedoch eher während Zeiten des Verfalls verwendet wurden (“during the decandence, the secondary colours became of more importance”). Nach Jones wird dies im alten Ägypten, dem klassischen Griechenland und in der Alhambra deutlich. Deshalb rekonstruierte er die Polychromie in den nasridischen Palästen in den drei Primärfarben (Abb. 4-5), mit Gold anstelle von Gelb bei den Säulen. Obwohl Jones‘ Farbtheorie eher einem ästhetischen Ideal als archäologischen Befunden folgte, war sie sich im 19. Jh. sehr populär. – AVB

Literatur
Jones 1835: Taf. 38. Goury/Jones 1836-42. Darby 1974. Van Zanten 1977. Van Zanten 1983. Ferry 2004. Flores 2006.
Abb.1 (de)

Abb. 1. Polychrome Darstellung des Gesimses und des Daches eines griechischen Tempels (Hittorff/Zanth 1827, Taf. 40).

Abb.2 (de)

Abb. 2. Vorderansicht des Tempels des Empedokles in Selinut (Hittorff 1851, Taf. 2).

Abb.3 (de)

Abb. 3. Chromolithographie der Titelseite von Goury und Jones Tafelwerk über die Alhambra (Goury/Jones 1836-45, Bd. 1).