Islamische Polychromie

Eine bunte Architektur

Die islamische Architektur von al-Andalus zeichnete sich einst durch ihre ausgeprägte Polychromie aus, die auf der Verwendung verschiedenfarbiger Baumaterialien, Farbfassungen von Mauerwerk und Baugliedern sowie diversen Verkleidungstechniken beruhte (Abb. 1). Entsprechende Farbreste konnten etwa im Bereich der Kapitelle nachgewiesen werden, die bereits in der Cordobeser Haupt-moschee (8.-10. Jh.) farbig gefasst waren. Auch die heute weissen Säulenschäfte und Kapitelle des Löwenhofes (1360-1362) verfügten ursprünglich über eine Farbfassung, die aufgrund denkmal-pflegerischer Fehlentscheide heute in weiten Teilen verloren ist. Während die Säulenschäfte oberhalb der Schaftringe einst einen polychromen Inschriftenfries aufwiesen, verfügten die Kapitelle über eine mehrfarbige Bemalung (Abb. 2-3). Neben Blau als Hauptfarbe konnten Reste von Rot, oft als Hintergrundfarbe, sowie Weiss, Gold und Schwarz nachgewiesen werden. – FG

Literatur
Ewert 1968. Marinetto Sánchez 1985. Marinetto Sánchez 1996.

Polychrome Stuckverkleidungen

Auch die heute grösstenteils farblosen Stuck-verkleidungen, die ab dem 10. Jh. zunehmend an Bedeutung gewannen, waren ursprünglich polychrom gefasst, wie Reste originaler Bemalung in Córdoba, Zaragoza, Balaguer und Granada belegen (Abb. 4). Ihr schlechter Erhaltungszustand hängt primär von der verwendeten Secco-Technik ab, bei welcher der Auftrag der wahrscheinlich wasserlöslichen Farben erst nach dem Erhärten der Stuckoberfläche erfolgte und so äusseren Einflüssen direkt ausgesetzt war. Wie neuere Untersuchungen gezeigt haben, war die verwendete Farbpalette mit Blau, Gold, Rot und Schwarz, neben die im 11. Jh. Grün sowie später Silber und Violett traten, auffallend reich. – FG

Literatur
Ewert 1968. Ewert 1971. Marinetto Sánchez 1985. Fernández-Puertas 1997. Ewert/Ewert 1999. Pavón Maldonado 2004. Rubio Domene 2010.


Geometrische Farbspiele

Die in al-Andalus seit almohadischer Zeit nachweisbaren Fayencemosaiken (alicatados), welche die unterhalb der Stuckverkleidung liegende Sockelzone besetzen und in der nasridischen Architektur von Granada ihren Höhepunkt erlebten, bilden einen weiteren Farbtupfer. Ausgezeichnet durch ihren rein geometrischen Aufbau, folgen die in der Torre de las Damas (1302-1309) erhaltenen, ältesten Fayencemosaiken der Alhambra, ihren früh-nasridischen Vorläufern im Cuarto Real de Santo Domingo. In den alicatados des Salón de Comares (1333-1354) und den Fayencemosaiken in der Sala de las Dos Hermanas (1362-1391) wird das Liniennetz enger, die Flechtmuster komplexer und die Farbpalette reicher (Abb. 5-6). Es dominieren Blau, Grün, Schwarz und Weiss, die in verschiedenen Farbnuancen auftreten und neben die im Verlauf des 14. Jh. Honigfarben (melado) und Violett (morado) treten. – FG

Literatur
Pavón Maldonado 1975. Donaire Rodríguez 1986. Martínez Caviró 1991. Martínez Caviró 1997. Fernández-Puertas 1997.
Abb.1 (de)

Abb. 1. Rekonstruktion der ursprünglichen Polychromie im Mirador de Lindaraja (Monumentos 1859-80, carp. 4, cuaderno 18).

Abb.2 (de)

Abb. 2. Rekonstruktion der ursprünglichen Kapitellpolychromie (Girault de Prangey 1842, Taf. 19).

Abb.3 (de)

Abb. 3. Rekonstruktion der ursprünglichen Kapitellpolychromie (Goury/Jones 1836-45, Bd. 2, Taf. XL).