Granada

Die einstige Hauptstadt des Nasridenreiches

Das im 19. Jh. von zahlreichen Schriftstellern, Künstlern und Architekten frequentierte Granada lockte auch Wilhelm Meyer an. In einer während seines Aufenthalts in der einstigen Hauptstadt des Nadridenreiches entstandenen Bleistiftzeichnung macht uns der Zürcher Maler mit der örtlichen Topographie vertraut (Abb. 1). Am Fusse der Alhambra erstreckt sich das eigentliche Stadtzentrum von Granada, das von der hochaufragenden Kathedrale in der Bildmitte dominiert wird. Studien dieses eindrücklichen Baus sind im Zürcher Konvolut nicht enthalten. Dagegen erlaubt die Bleistiftzeichnung Chapelle royale à Grenade einen Blick in die königliche Grabkapelle (Abb. 2). Wir erkennen die monumentalen Gräber der Katholischen Könige Fernando II. und Isabel I. (hinten) sowie ihrer Tochter Juana I. und deren Gemahl Felipe I. (vorne). Das Blatt belegt das im 19. Jh. aufgekommene Interesse an mittelalterlicher Architektur. – FG

Literatur
Redondo Cantera 2010.

Ein begehrtes Sujet

Der Löwenhof zählte zu den begehrtesten Spanischen Sujets des 19. Jh., wie zahlreiche Bleistiftzeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde belegen. Kaum eine der zu jener Zeit erschienenen Publikationen verzichtete auf die Darstellung des inzwischen weltberühmten Patios (Abb. 3-5). Auch Meyer folgte dem Trend, wie eine 1845 datierte Bleistiftzeichnung belegt. Anders als bei den gezeigten Buchillustrationen wählte Meyer einen Standort innerhalb der Sala de los Reyes (Abb. 6). Die sich daraus ergebenden Durchblicke verstärken die Bildwirkung. Das Blatt unterscheidet sich von den übrigen Zürcher Studien durch das unten rechts angebrachte Künstlermonogramm und das Fehlen eines Bildtitels. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass es sich um eine Vorstudie für ein Ölgemälde handelt. Denkbar wäre etwa, dass Meyer bei dem im Auftrag Wilhelms I. von Württemberg entstandenen Gemälde Der Löwenhof der Alhambra auf das Zürcher Blatt zurückgriff. – FG

Literatur
Lewis 1835. Girault de Prangey 1837-39. Taylor 1853.

Die Sala de los Reyes

Bei Künstlern und Architekten fast ebenso beliebt wie der Löwenhof war die an seinem östlichen Ende gelegene Sala de los Reyes (Abb. 7-8). Mit seinem im Oktober 1846 entstandenen Aquarell La Sale du tribunal à l’Alhambra de Grenade legt Meyer eine Variante der gezeigten Ansichten vor (Abb. 9). Wir blicken durch den im Vordergrund dargestellten, kaskadenartig aufgebauten Muqarnasbogen in eines der drei von kleinteiligen Muqarnasgewölben überfangenen Raumkompartimente. Die für die Darstellung des geometrischen Dekors verwendeten Hilfslinien bleiben sichtbar und ermöglichen einen Einblick in Meyers Entwurfsverfahren. Die stellenweise wieder-gegebene Farbfassung belegt die heute weitgehend verlorene Polychromie nasridischer Architektur. Das Zürcher Blatt dürfte Meyer als Vorlage für das von Heinrich von Pourtalès in Paris entstandene Gemälde Das Innere vom Saal des Gerichts in der Alhambra gedient haben. – FG

Literatur
Girault de Prangey 1837-39. Taylor 1853. Meyer 1855.
Abb.1 (de)

Abb. 1. Wilhelm Meyer, "Vue de l’Alhambra prise sur le chemin de la fontaine de l‘Avellano", Bleistift auf Papier, 31,5 x 43 cm, Granada, n.d. (Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung, L. 73, Fol. 09).

Abb.2 (de)

Abb. 2. Wilhelm Meyer, "Chapelle royale à Grenade", Bleistift auf Papier, 31,5 x 43,5 cm, Granada, 27. Oktober 1845 (Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung, L. 73, Fol. 17).

Abb.3 (de)

Abb. 3. "Entrée de la cour des Lions", Alhambra (Girault de Prangey 1837-39, Taf. 4).