Sevilla

Ein Auge für Mudéjar-Architektur

Neben den islamischen Bauten von Córdoba und Granada interessierte sich Wilhelm Meyer auch für die in Sevilla prominent vertretene Mudéjar-Architektur, wie drei im Januar 1846 entstandene Bleistiftzeichnungen des Palastes Pedros I. belegen. Dieser zwischen 1356 und 1366 innerhalb des Sevillaner Alcázars entstandene Bau, an dessen Ausführung nasridische Handwerker aus Granada mitbeteiligt waren, dokumentiert die Faszination des Auftraggebers für die islamische Architektur von al-Andalus. Das Zentrum des privaten Palastsektors bildet der Patio de las Doncellas, der mit seinen von sebka-Netzen überzogenen Hofarkaden an almohadische Patios erinnert (Abb. 1-2). Mit La cour de l’Alcazar hebt sich Meyer von der Mehrzahl der zeitgenössischen Ansichten ab (Abb. 3). Das Blatt überzeugt durch die Stringenz der Darstellung und die Präzision bei der Wiedergabe des kleinteiligen Stuckdekors von Wänden und Arkaden. – FG

Literatur
Ruiz Souza 2004. Cómez 2006. Tabales Rodríguez 2010. Almagro Gorbea 2013.

Der Salón de Embajadores

Am südlichen Ende des Patio de las Doncellas liegt der imposante Salón de Embajadores (Abb. 4). Im Unterschied zu Girault de Prangey wählte Meyer einen Standpunkt ausserhalb des Saales, wodurch sich spannende Durchblicke öffnen (Abb. 5). Unser Auge schweift durch den monumentalen Saal hinaus in den Hof. Die im Vordergrund dargestellte Tripelarkade dokumentiert das Nebeneinander islamischer und christlicher Dekorformen. Vor einem Hintergrund mit vegetabiler Ornamentik (ataurique) winden sich feingliedrige Ranken, die von Vögeln bevölkert sind. Ein Vergleich mit einer Ansicht von Wells zeigt die Meisterschaft des Zürcher Malers (Abb. 6). Minutiös erfasste er die geometrischen Keramikmosaiken (alicatados) und den kleinteiligen Stuckdekor der Tripelarkade, des dahinterliegenden Saales und des Hofes. Farbangaben sollten dem Maler bei der Umsetzung des Sujets im Atelier als Anhaltspunkte dienen. – FG     

Literatur
Griault de Prangey 1837-39. Wells 1846.

Der Audienzsaal Pedros I.

Meyers Bleistiftzeichnung La Sale appelée de don Pedro el cruel à l’Alcazar à Séville gewährt einen seltenen Blick in den im Obergeschoss gelegenen Audienzsaal Pedros I. (Abb. 7), von dem aus er sich zu der im Patio de la Montería versammelten Menge wenden konnte. Der mehrschichtige Wandaufbau des Saales scheint den Zürcher Maler besonders fasziniert zu haben. Einer reich ornamentierten Rückwand wurde eine umlaufende Bogenarkade mit stuckierten sebka-Feldern vorgeblendet. Diese findet ihre engsten Parallelen im Löwenhof der Alhambra und dem im Erdgeschoss des Sevillaner Palastes gelegenen Patio de las Muñecas (Abb. 8-9). Während die Architektur des Saales präzise wiedergegeben ist, wählte Meyer einen fiktiven Ausblick auf die Kathedrale von Sevilla. – FG

Literatur
Girault de Prangey 1837-39. Griault de Prangey 1842.
Abb.1 (de)

Abb. 1. Blick in den Patio de las Doncellas (Wells 1846, S. 331).

Abb.2 (de)

Abb. 2. Hofarkade im Patio de las Doncellas (Taylor 1832, Taf. 42).

Abb.3 (de)

Abb. 3. Wilhelm Meyer, "La cour de l’Alcazar à Séville", Bleistift auf Papier, 40,5 x 60 cm, Sevilla, Januar 1846 (Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung, L. 73, Fol. 21).